Visionen
Führung braucht Visionen
von Dipl.-Kfm. Jürgen Hansel
Führung impliziert eine Fragestellung, die von vielen "Führern" in ihrer umfassenden Dimension häufig nicht bewußt gesehen wird: das Wohin. Wer führen will, muß wissen, wohin er führen will. Der ständige wirtschaftliche, politische und soziale Wandel, der Streß, mit dem Führungskräfte heute leben müssen, führt dazu, daß Sinnfragen, Perspektiven, Visionen aus dem Auge verloren werden - nicht nur im Unternehmen. An ihre Stelle treten Ziele wie Umsatz, Rendite, Marktanteile und so weiter, die den ganzheitlichen Rahmen vermissen lassen, vor allem den Menschen in seiner Person, mit seinem Herzen, nicht ansprechen.
Vision und Motivation
Häufig wird heute in Managerkreisen das Thema Motivation diskutiert. Auch dies läuft eng mit dem Visionsthema zusammen, wie das folgende sinngemäße Zitat eines französischen Dichters zeigt: "Wenn Du ein Schiff bauen willst, dann suche nicht die Mitarbeiter und das Material dafür, verteile nicht die Aufgaben, sondern wecke die Sehnsucht nach dem Meer in den Menschen!"
Wer es versteht, gemeinsam mit den ihm anvertrauten Menschen zeitgemäße, lebenswerte Visionen und Perspektiven zu entwickeln, für den ist die Frage des Realisierens, das heißt wie motiviere ich meine Mitarbeiter, weitgehend geklärt. Visionen können etwas leisten, was Unternehmensziele im herkömmlichen Sinn nur begrenzt vermögen: Sie verbinden Unternehmensinteressen und persönliche Interessen auf intuitiver und rationaler Basis. Visionen, die auf die Bedürfnisse der Menschen ausgerichtet sind, bewirken einen Sog, die Sehnsucht, die Vision Wirklichkeit werden zu lassen. Voraussetzung: Das Unternehmen bezieht menschliche Bedürfnisse mit ein, und da Unternehmen ja den Menschen dienen sollten, kann das so schwierig nicht sein. Arbeit an sich wird so wieder ein selbstverständlicher Teil unseres Lebens, und ist nicht etwas, was uns von uns selbst entfremdet, was ausgegrenzt werden muß. Der Drang zur Konsum- und Freizeitgesellschaft und der Versuch, in anderen Lebensbereichen den Lebenssinn zu finden, zeigt nur zu deutlich, daß die Berücksichtigung der Bedürfnisse zu wenig beachtet werden.
Vision und Führung
In Führungskreisen wird ferner immer wieder die Frage nach alternativen Führungsstilen gestellt. Den meisten Managern ist bewußt, daß verstärkte Einbeziehung und Beteiligung notwendig ist, um das Spezialistenwissen der Mitarbeiter adäquat in Entscheidungen zu berücksichtigen. Doch nicht selten wird der Mangel an Mitverantwortlichkeit und unternehmerischen Denken bei den Organisationsmitgliedern beklagt. Hier wird Beteiligung zu eng gesehen, meist auf den reinen Entscheidungsprozeß bezogen. Echte Beteiligung wird früher beginnen müssen: bei der Entwicklung der Unternehmensvision und -perspektive. Das heißt naturlich ein gewisses Maß an Unternehmerischer Verantwortung und damit auch Kontrolle abgeben. Das fällt nicht leicht, weckt aber den "Unternehmer", der in vielen von uns schlummert, und der weiß, wo es für seinen Bereich langgehen muß. Das Bild, das manche Manager von ihren unselbständigen Mitarbeitern haben, kann durch echte Auseinandersetzung über Perspektiven eine Wandlung erfahren. Mitarbeiter sind kreativer und verantwortungsbewußter als es viele Chefs wahrhaben möchten. Doch es bedarf der Führung. Die gemeinsame Entwicklung von Visionen ist ein Lernprozeß für Führer und Geführte. Sie ist die hohe Kunst der Führung.
Visionen - nicht nur Aufgabe des Top-Managements
Damit soll nicht gesagt werden, daß die Entwicklung von Visionen nur Aufgabe des Top-Managements sei. Nein, eigentlich betrifft sie jeden. jeder Mensch braucht seine Träume, Wünsche, auf die er hinarbeitet. Sei es ein Haus in Spanien, eine bestimmte Stellung oder einen Wunsch der Familiengestaltung. Die meisten Menschen haben auch gelernt, die Visionen gemeinsam mit anderen, zum Beispiel der Familie, zu entwickeln und deren Bedürfnisse einzubeziehen. Doch im Berufsalltag fehlt dies, oder wird nicht praktiziert. Das Ergebnis: Das Arbeitsleben wird zum Problem-Management. Man versucht so gut wie möglich die Tagesprobleme zu meistern. Weil sich alles so schnell ändert, werden Perspektiven gar nicht erst entwickelt, sie sind ja vielleicht doch nicht zu realisieren. Führungsverantwortliche sollten hier Vorbildfunktionen übernehmen, egal auf welcher Ebene. Jedes Team wird sich freuen und neue Kräfte entwickeln, wenn lebenswerte Perspektiven am Horizont des Streßalltags auftauchen. Vor allem: Sich auf seine Bedürfnisse zu besinnen, sich mit den Kollegen darüber auszutauschen, gemeinsam eine Richtung anzustreben, weckt wieder das Gefühl, zu agieren und nicht nur zu reagieren. So können Visionen auch "bottom-up" aufgebaut werden.
Visionen sind wie die Träume der Menschen. Vielleicht erreichen wir sie nie oder nicht in der erträumten Form. Doch sie sind ein Motor, das Leben und die Arbeit zu verändern, den Bedürfnissen von Einzelnen und Gruppen (Unternehmen) näher zu kommen. Sie erhalten unser Leben, unsere Existenz, weil sie es lebenswert machen.
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